Das Erinnern ist konstitutives Element der Menschheitsgeschichte – ohne Erinnern gibt es keine Geschichte. Der Weg zu Veränderungen führt über das Verarbeiten von Erfahrungen. Wer die Deutung von Erfahrungen bestimmt, hat vielfach die Definitionshoheit von Erinnerungen und ihren Sinnstiftungen. Eine Gesellschaft, die offen für Veränderungen ist, muss sich erinnern.

Für die Kirche ist das Erinnern zentraler Bestandteil ihrer Existenz, alle Rituale beruhen auf dem gemeinsamen Gedenken. Die Bibel ist ein Buch des Erinnerns. Die Spannung zwischen Tradition und Veränderung ist Kern protestantischer Identität und zwingt zu einem beständigen Erinnern, Deuten und Hinterfragen von Erinnerungen als Voraussetzung für Neubestimmungen.

Das beständige Erinnern und Hinterfragen von Erinnerungen hat eine ebenso große Bedeutung für unsere demokratische Gesellschaft. Unser gesellschaftliches Bewusstsein ist davon bestimmt, antidemokratische Regime hinter uns gelassen zu haben. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, ob Unterdrückung von Frauen, Rassismus oder Antisemitismus haben in unserer Gesellschaft ebenso wenig Platz wie die Diskriminierung von sexuellen Minderheiten oder Behinderten.

Dennoch verklären an vielen Orten Tafeln oder Denkmäler vergangene Kriege als Heldengeschichten, in denen heroische Männer für Deutschland starben. Solche Deutungen des Ersten Weltkriegs bildeten eine Voraussetzung für die Mobilisierung der Nationalsozialisten für den Zweiten Weltkrieg, der in einen Vernichtungskrieg mündete. Diese Deutung von Kriegen gilt es kritisch zu hinterfragen, zumal die ehrende Erinnerung meist nur Militärangehörigen gilt. Das Gedenken an die zivilen Toten und die ungezählten Opfer des Nationalsozialismus ist im Zusammenhang dieser Ehrenmäler ausgeschlossen, vor allem da ihre Bildersprache oftmals ein gleichzeitiges Gedenken an die Opfer unmöglich erscheinen lässt.

 

Karl Fick Eintrag Gedenkbuch Stockelsdorf web 

Auf dem Gebiet der Nordkirche ist das Netzwerk »Erinnerungskultur im Bereich der Nordkirche« entstanden. Ziel des Netzwerkes ist es, möglichst vollständig über die Arbeit von Akteur*innen und Initiativen zu informieren, Erfahrungen aus der Gedenkkultur zu sammeln und Interessierten übersichtliche Materialien und Anregungen zur Verfügung zu stellen. Zugleich engagieren sich kirchliche wie nichtkirchliche Gruppen und Einrichtungen zu diesem Themenspektrum, deren Kenntnis voneinander und Vernetzung untereinander ein weiteres zentrales Anliegen des Netzwerkes ist.