NEUE SICHT AUF ALTE HELDEN?

Kriegerdenkmäler in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern sind nach dem 2. Weltkrieg viele Denkmäler, mit zum Teil kriegsverherrlichenden Symbolen und Inschriften, zerstört worden. Aber immer noch sind heute viele hundert Kriegerdenkmäler dokumentiert. Etliche von diesen sind durch die Entfernung besonders militaristischer Darstellungen verändert worden. Gleichzeitig wurden vielerorts Tafeln zur Erinnerung an den 2.Weltkrieg mit deutlichen Friedensaufrufen angebracht. Vereinzelt, mit zunehmender Tendenz, wurden nach dem Ende der DDR alte Kriegerdenkmäler wieder aufgestellt, siehe zum Beispiel den »Soldaten« in Stolpe auf Usedom oder sogar Denkmäler für tote Wehrmachtssoldaten des 2.Weltkriegs neu aufgestellt, siehe Mueß.

Noch bestehende Denkmäler zum 1.Weltkrieg sind oft mit den bekannten Widmungen versehen: Unseren gefallenen Helden… Heldentod… Vaterland… auf dem Feld der Ehre... habt Dank ihr Krieger.

Wenn nicht anders angegeben stammen die Fotos von Matthias Hübner (www.dorfkirchen-in-mv.de) oder Marlise Appel, Evangelische Akademie der Nordkirche.

Ein Klick auf das Bild öffnet die Spalte mit Texten und Fotos zum Denkmal. Haben Sie weitere interessante Informationen oder historische Bilder zu den vorgestellten Kriegerdenkmälern? Dann würden wir sie gerne auf dieser Seite veröffentlichen.

 

 


I N H A L T
Das Denkmal zum 1. Weltkrieg
Die Widmung
Die Einweihung
Die Geschichte
Der Stifter
«700 Jahre Stadt Malchow«
Wilhelm Wandschneider
Die Brigade Ehrhardt
Das sowjetische Denkmal
Das Munitionswerk Malchow
Der Gedenkort »An der Lagerstraße«
Unser Dank

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Malchow

Kreis Mecklenburgische Seenplatte

Das Denkmal für die toten Soldaten des 1. Weltkriegs steht im Park hinter der Stadtkirche St. Johannis. Ursprünglich war es auf einem anderen Platz aufgebaut worden, der hieß zwischenzeitlich Adolf-Hitler-Platz und dies hier ist auch nur der übriggebliebene Sockel. Wie das Denkmal vor 1945 aussah, beschreiben wir weiter unten.

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Für den zweistufigen Sockel wurde Burgsteingranit aus dem Fichtelgebirge verwendet. Er galt damals als der beste in Deutschland. Eine Steinhauerei in Wunsiedel / Bayern hat ihn verarbeitet. Allein der leicht geschwungene Grundsockel wiegt 8 Tonnen.

 

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Er ist gedacht als Ablagefläche für Kränze, wird aber heute oft als Sitzbank benutzt. Das Restdenkmal im Park ist manchmal Treffpunkt von Jugendlichen. Ausserdem hat der »Klotz« in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu diversen Graffitis und Beschmierungen angeregt.

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Auf der Frontseite des heutigen Restdenkmals beginnt die Aufzählung der toten Soldaten. 154 Namen mit dem Vornamen als Initial sind einspaltig auf den schmalen Seiten und dreispaltig auf der Frontseite im Blocksatz aufgeführt. Sie sind alphabetisch geordnet, die Liste beginnt auf der linken Schmalseite.


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Zwischen den Namen sind Symbole eingestreut, wenn es der gewünschte Blocksatz erforderte. Wir glauben, dass es Phantasiesymbole sind, auch wenn eines wie ein Eisernes Kreuz aussieht.

 

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Am oberen Rand der Rückseite steht in einer langen Zeile:

DEN IN DEM WELTKRIEGE 1914 (EK) 1919 GEBLIEBENEN MALCHOWERN

Eine Besonderheit ist hier, dass die Dauer des Krieges bis 1919 ausgedehnt wurde.

Heer und Marine mussten in Folge des Waffenstillstandes vom 11. November 1918 demobilisiert werden und Freikorps waren Sammelbecken für entlassene Soldaten. Im Baltikum war gleich nach Kriegsende mit der Aufstellung begonnen worden. Die Hauptaufgabe war es, den Rückzug des deutschen Ostheeres zu decken und dazu die Bolschewisten lange genug zurückzuhalten. Die letzten Soldaten kehrten Ende 1919 zurück. Auch Oberst Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg kämpfte im Baltikum. Wieviele von den nun toten Soldaten aus Malchow waren ihm gefolgt? Fazit: Das Kriegsende auf dem Denkmal wurde auf 1919 festgelegt.

 

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Das Eiserne Kreuz zwischen den Jahreszahlen ist ein militärisches Ehrenzeichen, das den toten Soldaten hier posthum und kollektiv verliehen wurde.

 

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Darunter steht die Widmung:

DEN GEFALLENEN ZUR EHRUNG
DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG

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Auf der zweiten Schmalseite endet die Aufzählung mit H.Zabel und noch zwei »Nachzüglern«: H.Levy und H.Gundlach. H. Levy ist einer der beiden jüdischen Soldaten, derer auf dem Denkmal gedacht wird.

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Die Widmung

DEN GEFALLENEN ZUR EHRUNG
DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG

Die Zeilen sind eine Abwandlung der Inschrift auf dem Berliner Kreuzbergdenkmal. Auf der höchsten Stelle des Kreuzbergs hatte der preußische König Friedrich Wilhelm III. 1818 den Grundstein des deutschen Nationaldenkmals gelegt. Er widmete es den Siegen in den sogenannten Befreiungskriegen. Eingeweiht wurde es bedeutungsträchtig am 30. März 1821, dem siebten Jahrestag der Erstürmung des Monmartre. Die Widmungsinschrift lautete:

Der König dem Volke, das auf seinen Ruf hochherzig Gut und Blut dem Vaterlande darbrachte. Den Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung.

Die zweite Hälfte dieses Textes wurde, abgewandelt oder verkürzt, vielfach bei Kriegerdenkmälern des 19. und 20. Jahrhunderts übernommen. Wie hier in Malchow wurde oft bei der Abfolge: Vergangenheit - Gegenwart – Zukunft, die Gegenwart weggelassen.

Kerstin Klingel schreibt in »Eichenkranz und Dornenkrone«: »In dieser ursprünglichen Form steht die Aufforderung an die nachkommenden Generationen zur Nachfolge als letztes und wird auf diese Weise hervorgehoben: die letzte Wendung bleibt im Gedächntnis. Es geht bei dieser Inschrift in erster Linie darum, die Jugend für den Kriegseinsatz zu gewinnen.«

»Den Lebenden zur Mahnung« wird heute oft als Mahnung für Frieden verstanden, nach dem verlorenen 1. Weltkrieg war es aber ein revanchistischer Wunsch. Die Schmach des Versailler »Schandvertrags« sollte von der nachfolgenden Generation gerächt werden.

 

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Die Einweihung

Das große Ereignis steht bevor, die Stadt macht mobil: Der Magistrat der Stadt hat für den Nachmittag den Fuhrwerksverkehr am Denkmal für zwei Stunden gesperrt, der Kriegerverein Malchow trifft sich zum gemeinsamen Anmarsch beim Kameraden Westendorff, die Gewerkschaften haben ihren Treffpunkt bei Karl Pape am Damm, dort soll sich Malchower organisierte Arbeiterschaft mit florbehangenen Fahnen und Kranzdeputationen um 2 Uhr einfinden, der Verein »Eintracht« gibt die Kleiderordnung vor: Gehrock und Cylinder.

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Als am Sonntag, 3. Oktober 1920 gegen 3 Uhr, viele Bürger aus Stadt und Land sich einfinden, Behörden und Vereine mit ihren Fahnen anrücken, kann man auch den aus Berlin angereisten Schöpfer des Denkmals, Professor Wandschneider unter den Ehrengästen erblicken.

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Der Stifter, der Malchower Lederfabrikant Julius Steinlein, übergibt das Denkmal in den Schutz der Stadt und bezieht sich auf das, was auf dem Stein zu lesen ist: Eine Ehrung für die Gebliebenen und eine Mahnung für die Lebenden, für die Wiederaufrichtung des Vaterlandes zu gleichgeachteter Stellung unter den Nationen zu streben und zu arbeiten. Revanchismus light!

Pastor Stelzer hält die Weiherede: »... und nach oben richtet der sterbende Krieger den Blick, dem Himmel zu. In der Flucht der Zeit bricht dort ein Leben; wird eine Kette gelöst; aber die Seele des Kriegers wendet sich seinem Gotte zu, dessen Zeichen er auf seinem Schilde trägt, auch uns zur Mahnung, die wir ein höheres Panier tragen: Vorwärts und aufwärts!«

(aus dem Malchower Tageblatt vom 5. und 6. Oktober 2020).

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Die Geschichte

Nun wollen wir ihn endlich kennenlernen, den Krieger auf dem Sockel. Ein sitzender Krieger, bis auf den antiken Helm ist er völlig nackt, die Hand liegt auf seinem Schwert, sein zerbrochener, ehemals runder Schild ist erhoben. Dem Schild fehlt ein Stück, aber er sieht nicht zerstört aus. Unversehrt, muskulös und klassisch schön blickt der Krieger nach oben – um seine toten Kameraden, die unter ihm auf dem Sockel namentlich verewigt sind oder um den verlorenen Krieg trauert er jedenfalls nicht.

 

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Eine Postkarte aus den Jahren 1935 bis 1938. Man beachte die drei Zeilen unter der Widmung, wir kommen beim Kapitel »Der Stifter« darauf zurück.

 

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Prof. Dr. Loretana de Libero von der Uni Potsdam schreibt in Ihrem Buch »Rache und Triumph« über das Denkmal in Malchow: »In der mecklenburgischen Stadt hatte der deutschvölkische Künstler Wilhelm Wandschneider für deren Kriegstote einen nackten Bronze-Krieger im Typus des ›sterbenden Galliers‹ gefertigt, dessen zerbrochener Rundschild ein Hakenkreuz zierte. Die Swastika war wohlweislich nur in der Rückansicht zu sehen. Wandschneider, der drei Jahre später für das Dolchstoß-Denkmal in Schwerin verantwortlich zeichnen sollte, orientierte sich nach seinen eigenen Worten am antisemitischen Freikorps ›Brigade Ehrhardt‹, deren Stahlhelme das Hakenkreuz zierte. Die Inschrift auf der Rückseite des Denkmals mit den Jahreszahlen 1914 bis 1919 weist in der Verbindung mit dem Hakenkreuz daraufhin, dass der Künstler [...] ein politisches Zeichen setzen und auch die Aktivitäten der Freikorps bedacht wissen wollte.«

Das hier erstmalig erwähnte Hakenkreuz ist auf keiner der uns bekannten Abbildungen zu erkennen. Aber da das Malchower Denkmal in einigen Publikationen »Hakenkreuzdenkmal« genannt wird, wird es uns in dieser Dokumentation noch oft begegnen.

Was bedeutet nun die Verwendung des Hakenkreuzes im Jahr 1920? Zu dem Zeitpunkt der Einweihung des Denkmals war es vorrangig als Symbol der Brigade Ehrhardt bekannt geworden, die im Frühjahr 1920 am Kapp-Putsch beteiligt gewesen war. Diese Bezugnahme machten es damals als Bekenntnis zu einer paramilitärischen Einheit erkennbar, die am Putsch gegen die junge Republik beteiligt gewesen war. Mit dieser Symbolik wurden nicht nur die Toten des 1. Weltkriegs geehrt, sondern auch die Feinde der Demokratie.

Das werden auch Pastor Stelzer, die Mitglieder des Magistrats der Stadt Malchow, der Gewerkschaften, der Vereine etc. bei ihrer Teilnahme an der Einweihung des Denkmals so gesehen haben. Diese Veranstaltung am 3. Oktober 1920 war eine Demonstration gegen die Republik.

 

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Der Bronzeguss des weit überlebensgroßen Kriegers entstand in einer Erzgießerei in Sachsen, sechs Zentner wiegt er.

 

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In der Zeit des Nationalsozialismus wächst die Bedeutung des nackten Helden, als Szenerie für entsprechende Veranstaltungen eignet er sich vortrefflich.

 

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30. Januar 1938 – »Tag der Machtübernahme«. Hakenkreuzbeflaggung, Ansprache, Ehrenwache, SA- und SS-Männer schauen zu.

 


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Heldengedenktag 1938 – Gedenkrede, Ehrenwache des NS-Reichskriegerbundes, des ehemaligen Kyffhäuserbundes und Kranzniederlegung.


Im Jahr 1955 hat schließlich sein letztes Stündchen geschlagen. Nach monatelangem Hin und Her wird der Krieger vom Sockel genommen. Sein Verbleib ist nicht bekannt.

Zwischen 1945 und 1950 sollen alle Denkmäler mit revanchistischen und militaristischen Aussagen oder/und Symbolen abgerüstet oder entfernt werden. »Die Gestaltung des Ehrenmals ist künstlerisch so bedeutsam, dass seine Erhaltung beantragt wird.« So zitiert Wolf Karge in »Zeitgeschichte regional, 1/2008 den »immer wiederkehrenden stereotypen Satz aller Gutachten«, die 1946 der Sowjetischen Militäradministration vorgelegt werden. In dieser Aufstellung sind alle Kriegerdenkmäler von Wandschneider enthalten. Wolf Karge konstatiert eine Überforderung der Nachkriegs-Kommunen: »Wie sollten sie in der Darstellung eines antiken Kriegers z.B. in Malchow eine Metapher zur Rache für den verlorenen Krieg 1914-1918 erkennen? Wie sollte ein Dorfbürgermeister einen ›Kulturwert‹ ermessen?«

Das Feilschen beginnt: laienhaftes Geschichts- und Kunstverständnis, Vergeltung gegen wen auch immer, vorauseilender Gehorsam gegenüber der Besatzungsmacht, unklare Entscheidungsbefugnisse ... Malchows Bürgermeisterin jedenfalls möchte den Krieger loswerden, nach langem Austausch der Argumente mit Institutionen und Behörden fällt die Entscheidung: Der Krieger wird nicht wieder aufgestellt, die Plastik soll sichergestellt werden, bis sie vom Museum in Schwerin abgeholt wird. Ende siehe oben: Sein Verbleib ist nicht bekannt!

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Der Stifter

Auf der Rückseite des Denkmalsockels stand unter der Widmung

DEN GEFALLENEN ZUR EHRUNG
DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG

STIFTETE DIESES DENKMAL DER
FABRIKBESITZER JULIUS STEINLEIN
SEINER VATERSTADT MALCHOW

Auftraggeber und später Sprecher des Denkmalkomitees war der Malchower Lederfabrikant Julius Steinlein (1855 - 1925). Idee und Wunsch wären bei ihm schon drei Jahre vor der Enthüllung entstanden, schrieb im Oktober 1920 das Malchower Tageblatt. Ansonsten wissen wir nur, dass er und seine Frau keine Kinder hatten und dass ihre Hoffnung auf dem jungen Neffen lag, der bereits als Geschäftsführer in der Firma eingesetzt war. Am 13. September 1916 ist er an der Front getötet worden.

Als das Restdenkmal, der Sockel des Kriegers, versetzt wurde, sind die drei Stifterzeilen weggemeißelt worden.

Um die Entfernung des Kriegers wurde 1955 viel gestritten – dass der Stiftername entfernt werden muss, war immer klar: »Linientreuer Antikapitalismus, von Staats wegen verordnet, machte in der DDR jede Diskussion über diese Maßnahme überflüssig« meint der Malchower Hermann Grothe, »Der Name des Fabrikanten musste weg!«


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»700 Jahre Stadt Malchow«

Ortsgruppenleiter der NSDAP Curt Müller schrieb 1936 dem Denkmal eine Lobeshymne in die Festschrift der Stadt Malchow:


MP Malchow Festschrift 700 Jahr Feier web


»Symbol dieser mit vielen Seen und Wäldern von der Natur geschmückten Stadt sind nicht nur das Kloster und die bekannten Tuchfabriken, sondern ganz besonders das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Weltkriegs von 1914/1918.

Es steht vor dem Adolf-Hitler-Platz, dem Aufmarschplatz unserer SA, an einer Straßengabelung der Güstrower und Teterower Chaussee. Der große schön gearbeitete Steinsockel enthält die 70 [?] Namen unserer gefallenen Helden des Weltkrieges. Eine lebensgroße Kriegerfigur mit Schild und Schwert krönt dieses Kunstwerk eines deutschen Meisters. Der Erbauer dieses Kunstwerks, Professor Wilhelm Wandschneider=Plau, hat in dem Schild ein großes Hakenkreuz angebracht. Und darauf können wir Malchower stolz sein, es ist das erste Denkmal in Deutschland, das mit unserm Hakenkreuz geschmückt Aufstellung fand. Das Denkmal wurde bereits am 6. April 1920 enthüllt und Prof. Wandschneider schreibt hierzu folgendes:

›Als unsere Truppen aus Riga mit dem Hakenkreuz am Stahlhelm zurückkamen, war das Modell in Arbeit und erhielt diesen passenden Schmuck am zerbrochenen Schild.‹

In dieser pazifistischen, judenhörigen Zeit war es selbstverständlich, daß die sogenannten jüdischen Gemeinden gleich Krach schlugen und verlangten, daß das Hakenkreuz verdeckt werden sollte. Die damalige Stadtverwaltung hatte auch schon eine Kupferplatte zum Verdecken des Hakenkreuzes bestellt, aber hiergegen wehrte sich der Schöpfer des Denkmals ganz energisch. Parteigenosse Prof. Wandschneider verlangte, daß ihm sein Künstlerrecht gewahrt bleibe, da er sonst andere Maßnahmen ergreifen müsse, und so blieb das Denkmal mit dem Hakenkreuz stehen!

Unserm Parteigenossen Prof. Wandschneider wollen wir daher dankbar sein, daß er damals so energisch und zielbewußt blieb und wir hoffen, daß er zur Siebenhundert-Jahr-Feier der Ehrengast der gesamten Bevölkerung Malchows sein wird. Das Denkmal wird durch die Stadtverwaltung mit schönen Blumenanlagen gepflegt, und wir wollen uns dieses Ehrenmals stets würdig zeigen und den Mahnspruch auf der Rückseite des Denkmals immer beherzigen, der da lautet:

›Den Gefallenen zur Ehrung,
den Lebenden zur Mahnung.‹«

Wie bei den Lebensberichten Wandschneiders 1939 und 1941 sind auch in diesem Beitrag 1936 einige Ungereimtheiten und NS-geschönte Äußerungen enthalten.

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Wilhelm wandschneider

Wandschneider hat zwei Berichte in der NS- und Kriegszeit veröffentlicht und es ist wie oft bei Zeitzeugen, die 20 Jahre später über Gedachtes berichten sollen: Manches ist unglaubwürdig. War z.B. 1920 das Hakenkreuz wirklich verboten? Konnte es 1920 dem jüdischen Bürger Isidor L. schon klar sein, dass das Hakenkreuz ein Symbol des NS-Terrors werden würde? Trotzdem oder gerade deshalb sind Wandschneiders Texte interessant und entlarvend:

Wilhelm Wandschneider »Aus meinem Leben«

 

Der Bildhauer Wilhelm Wandschneider wurde 1866 in Plau am See geboren, dort ist er auch 1942 gestorben. Seine erfolgreichsten Jahre erlebte er von 1897 bis 1916.

Als persönlicher Auftrag von Kaiser Wilhelm II. entstand im Kriegsjahr 1915 ein großes Denkmal Wandschneiders auf ausländischem Boden. In gegenseitiger Abstimmung mit den Behörden der besetzten französischen Gebiete beschloss die deutsche Militärbehörde, ein gemeinsames Ehrenmal für die »Gefallenen« beider Seiten zu errichten. Als Standort wurde der Soldatenfriedhof St. Martin bei St. Quentin in Nordfrankreich ausgewählt.

Nach dem 1. Weltkrieg geriet eine große Zahl der bildenden Künstler – so auch Wandschneider – in existenzielle Bedrängnis. Die alten Auftraggeber öffentlicher Denkmäler gab es durch die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen nicht mehr, ebenso sank die Zahl privater Auftraggeber. Zeitweise musste Wandschneider seine sechs Kinder mit Essen aus der Volksküche ernähren.

Einzige Auftraggeber waren in den frühen 1920er Jahren die Militär- und Kriegervereine, die zunehmend mit revanchistischen Inhalten versehene Denkmäler für ihre toten Kameraden errichten ließen. In dieser Zeit schuf er auch das Malchower »Hakenkreuzdenkmal«.

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Wilhelm Wandschneider vor seinem Denkmal. Archiv: Klaus Kentzler


Als ab 1930 der Nationalsozialismus zunehmend an Bedeutung gewann, trat Wandschneider der NSDAP bei. Beruflich profitierte er durch seine frühe NSDAP-Mitgliedschaft, die ihm eine ansehnliche Zahl von Kleinaufträgen einbrachte. In den Jahren der NS-Herrschaft entstanden auch größere Werke. 1935: ›Sämann und Mähender‹ als Geschenk zur 700-Jahrfeier von Plau, 1936: das ›Skagerrakdenkmal‹ mit der Figur eines Geschützmatrosen für die Stadt Rostock und 1937: ›Der Trauernde Soldat‹ auf dem Alten Friedhof Schwerin. Mit diesen gut modellierten, aber künstlerisch wenig überzeugenden Arbeiten konnte der alternde Künstler nicht mehr an vorhergehende Erfolge anknüpfen.

Leben und Werk des Künstlers sind seit 1994 im Plauer Bildhauermuseum Prof. Wandschneider dokumentiert.

Nach Wikipedia, abgerufen am 25. November 2020


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Die Brigade Ehrhardt

Heer und Marine mussten in Folge des Waffenstillstandes vom 11. November 1918 demobilisiert und abgerüstet werden. Daraufhin kam es – beginnend mit dem Kieler Matrosenaufstand – zu Meutereien und revolutionären Aufständen. Es kam zur Novemberrevolution, die zum Sturz der Monarchie und zur Ausrufung der Republik in Deutschland führte. Da der von Friedrich Ebert geführte Rat der Volksbeauftragten über keine eigenen militärischen Machtmittel verfügte, verband er sich mit der noch bestehenden Obersten Heeresleitung und wollte mit Freiwilligen der zurückgeführten Fronttruppen die Lage stabilisieren. Daneben wurde von Offizieren, aber auch von Privaten, die Aufstellung von Truppenverbänden aus ehemaligen Soldaten und ungedienten Freiwilligen vorangetrieben. Diese paramilitärischen Verbände wurden Freikorps genannt. Sie sollten und wollten die linken Aufstände bekämpfen und die Grenze im Osten gegen die »Bolschewisten« verteidigen.

Auch in Malchow wurde um entlassene Soldaten geworben:

Malchower Tageblatt, 3. Februar 1919: »Freiwillige heraus! Zum Schutz der Ostmark, nach der die Polen ihre gierigen Hände ausstrecken und zur Bekämpfung des Bolschewismus, der unser hart bedrängtes Vaterland fortgesetzt bedroht, werden zuverlässige Truppen unter erprobter Führung benötigt. Eine Anwerbung von Freiwilligen für diesen Zweck unternimmt jetzt auch die 1. Garde=Division und richtet aus dieser Veranlassung in Waren (Schützenhof) am Freitag d.M. ein Werbebüro ein, in dem Anmeldungen von Freiwilligen (Gediente Mannschaften für Infanterie=Formationen und Maschinengewehrschützen) entgegengenommen werden. Der Abtransport der Freiwilligen erfolgt am Sonnabend unter Führung eines Feldwebels.«

Malchower Tageblatt, 2. April 1919: »Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg hat sich freiwillig zum aktiven Dienst gemeldet. Der Herzog steht nach der ›Rost. Ztg.‹ zurzeit als Oberst und Regimentskommandeur im Osten«

Mehr zu Adolf Friedrich zu Mecklenburg auf Wikipedia


Auf der Website www.kriegsreisende.de lesen wir: »Ins Baltikum zog es die Chancenlosen und Gescheiterten, da die baltischen Barone Siedlungsland als Sold versprachen, die Kriminellen, die hofften, dort noch viel besser rauben zu können, und diejenigen, die man heute als Adrenalinjunkies bezeichnen würde, die den Nervenkitzel des Krieges vermissten oder die gar zu spät dafür gekommen waren. Natürlich lohnte sich auch die Bezahlung. Zum Grundsold des alten Heeres von 30 Mark, erhielten die Freiwilligen im Reich eine Tagezulage von 5 Mark, im Baltikum dagegen 9 Mark - das war das Zehnfache!«

Bildhauer Wilhelm Wandschneider schreibt 1941: »1920 entstand das Malchower Kriegerdenkmal. Herr Steinlein, der Lederfabrikant, konnte es seiner Vaterstadt zum Geschenk machen. In dieser Zeit kamen die Ehrhardt-Brigaden von den letzten Kämpfen aus Riga zurück. Sie hatten ihren Stahlhelm mit dem Hakenkreuz geschmückt. Ich freute mich, denn dieses Zeichen war verboten, und versah den Schild meines verwundeten Kriegers ebenfalls mit diesem Zeichen.«

Hier irren Wandschneider und auch der Malchower Ortsgruppenleiter der NSDAP Curt Müller. Die Heimkehrer ehemaliger Baltikumeinheiten füllten gegen Ende des Jahres 1919 die Brigade Ehrhardt auf. Sie wuchs so auf etwa 4000 Mann.

MP Malchow Stahlhelm mit Hakenkreuz 1920 webFoto: LeMO, Deutsches Historisches Museum, Berlin


Ein Helm der Brigade Ehrhardt, der Wandschneider inspiriert hat.

MP Malchow Bundesarchiv Bild 183 R16976 Kapp Putsch Berlin webFoto: Bundesarchiv, Bild 183-R16976 / CC-BY-SA 3.0


Angehörige der Brigade Ehrhardt am 13. März während des Kapp-Putsches in Berlin.


Die Brigade wurde vor allem bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik sowie beim »Grenzschutz Ost« gegen die Aufstände in Oberschlesien eingesetzt. Im März 1920 gehörte sie zu den wesentlichen Stützen des Kapp-Putsches. General Walther von Lüttwitz und der Politiker Wolfgang Kapp waren entschlossen, die Novemberrevolution von 1918/19 mit dem Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik, rückgängig zu machen. Nachdem die Reichsregierung bereits Anfang März 1920 auf Druck der Alliierten die Auflösung der Brigade Ehrhardt und weiterer Freikorps bestimmt hatte, war diese nun bereit, gegen die Regierung vorzugehen. Lüttwitz protestierte gegen die Auflösung der Freikorps, indem er den Rücktritt des Reichspräsidenten und der Reichsregierung forderte. Er wurde daraufhin entlassen. So begann am 13. März 1920 der Kapp-Lüttwitz-Putsch: Lüttwitz stellte sich an die Spitze der Marinebrigade Ehrhardt und besetzte mit ihr das Berliner Regierungsviertel (siehe Foto).

Generalstreik und passives Abwarten der Reichsregierung öffentlicher Stellen ließen den ohnehin überstürzt geplanten Putsch scheitern, die Kapp-Clique entwarf noch ein paar Flugblätter, aber am 17. März gab sie auf.

Nach der im April 1920 erfolgten Auflösung bildeten Mitglieder der Brigade unter der Führung des Antisemiten und Republikfeinds Hermann Ehrhardt die Geheimorganisation Organisation Consul, die zahlreiche politisch motivierte Fememorde beging, um die Weimarer Republik zu stürzen, etwa die Attentate auf Walther Rathenau und Matthias Erzberger.

Mehr über den Kapp-Lüttwitz-Putsch auf LeMO

Mehr über Hermann Ehrhardt auf Wikipedia
 

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Das Sowjetische Denkmal

Der Platz, an dem das »Hakenkreuzdenkmal« gestanden hatte und der nach Aussage von NSDAP-Ortsgruppenleiter Curt Müller der Aufmarschplatz der SA gewesen war, wurde nun 1945 Militärfriedhof der in Malchow gestorbenen sowjetischen Soldaten.

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Der Adolf-Hitler-Platz heißt nun Neuer Markt. 1994 erfolgte die Umbettung der Soldaten an einen Gedenkort am Stadtrand. Das Denkmal mit bescheidenen fünf kyrillischen Textzeilen blieb zurück.

 

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Das Denkmal trägt nun die sowjetischen Symbole roter Stern und Hammer & Sichel, dazu lesen wir auf der Informationstafel: »Dieses Denkmal ist eines von vielen, die nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone zur Erinnerung an den Sieg der Roten Armee über das faschistische Deutschland errichtet wurden.«

 

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Die Übersetzung der Inschrift lautet:

Unsterblicher Ruhm
den Helden
der sowjetischen Armee

 

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Die Kriegsdauer ist mit 1941, dem Jahr des Eintritts der Sowjetunion in den »Großen Vaterländischen Krieg«, bis 1945 angegeben.

Mehr dazu erfahren Sie hier


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Das Munitionswerk Malchow

Stadtarchivar Dieter Kurth und der »Arbeitskreis Stadtgeschichte« erforschen einzelne wichtige Themen der stadtgeschichtlichen Entwicklung und stellen die Ergebnisse in Form von überschaubaren Heften der Öffentlichkeit vor. Wir finden, das ist ein gutes Projekt mit sehr guten Ergebnissen. Wir zitieren deshalb in diesem Kapitel aus Heft 2 »Das Munitions- und Sprengstoffwerk in Malchow 1938-1945« von Alfred Nill, Christiane Sawatzki, Eberhard Fromhold-Treu und Gerhard Bröcker.

Die Kurzfassungen der bisher 15 weiteren Hefte und die Bezugsquelle können Sie hier finden:

Arbeitskreis Stadtgeschichte

 

»Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann ab 1933 die systematische militärische Aufrüstung des Deutschen Reiches. So entstanden über 120 Rüstungsbetriebe, die über ganz Deutschland verteilt waren. Zu diesen Betrieben gehörte auch das Munitions- und Sprengstoffwerk in Malchow. Der Aufbau begann 1938 versteckt und gut getarnt in einem 360ha großen Waldgebiet und umgeben von Wasser / Seen ca. 2km westlich von Malchow. Zu den Produktionsanlagen sowie Verwaltungs- und Versorgungsbereichen gehörten Labore, Werkstätten, Magazine, Pressereien, Füllstellen und Entsorgungsanlagen. Das Werk war durch ein Anschlussgleis mit dem Schienennetz der Deutschen Reichsbahn verbunden. Die Bauarbeiten im Werk dauerten bis 1943, aber bereits seit Oktober 1939 wurden in den bunkerartigen Produktionsstätten Sprengkapseln und der Sprengstoff ›Nitropenta‹ hergestellt. [...]

Seit 1939 wurden [weitere] Arbeitskräfte auf unbegrenzte Zeit zur Kriegsproduktion dienstverpflichtet. Aus den besetzten Gebieten deportierten die Wehrmacht und die SS ausländische Arbeiterinnen, Kriegsgefangene sowie weibliche Häftlinge aus Konzentrationslagern zur Rüstungsarbeit in der gefährlichen Sprengstoffproduktion. Für die große Zahl an Arbeitskräften wurden zusätzliche Holzbaracken in der Theodor-Storm-Straße, am Karpfenteich, am Alt-Schweriner-Weg und an der Lagerstraße für Unterkünfte gebaut. Ab 1943 wurde zur endgültigen Absicherung des Arbeitskräftebedarfs ein Außenlager des KZ-Ravensbrück an der Lagerstraße, ca. 1km vom Munitionswerk entfernt, für 1200 Häftlingsfrauen errichtet.

Das Außenlager Malchow wurde ein Ort der Angst, der Wut, der Menschenverachtung und somit ein Ort des Verbrechens. Wachtürme und ein elektrisch geladener Stacheldrahtzaun sorgten dafür, dass zu diesen Frauen kein Kontakt aufgenommen werden konnte. In den Häftlingsbaracken herrschten menschenunwürdige Bedingungen. Die hygienischen Zustände waren völlig unzureichend, ebenso die Kleidung und Ernährung der Inhaftierten Im Werk mussten sie unter ungeheuer schweren Bedingungen täglich 10-12 Stunden die gefährlichsten Arbeiten ausführen, die bei der Herstellung von chemischen Kampf- und Sprengstoffen anfielen. Schwere Unfälle und der Tod gehörten bald zum Alltag im Außenlager Malchow. Mit dem Einzug der sowjetischen Streitkräfte am 02.Mai 1945 war der Krieg für die Frauen des Konzentrationslagers, die Kriegsgefangenen, die ausländischen Zwangsarbeiter sowie für die Malchower Bürger beendet. Allmählich erfolgte die Rückführung der Verschleppten in ihre Heimatländer. Auf dem Werksgelände begann die Demontage der Maschinen und der Werkseinrichtungen als Reparationsleistungen für die Sowjetunion. Große Teile der Werksanlagen wurden gesprengt und zerstört. Vom eigentlichen Produktionsstandort ist heute nur noch wenig zu sehen.«

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Der Gedenkort »An der Lagerstraße«

Wie wir eben schon gelesen haben: »Ab 1943 wurde zur endgültigen Absicherung des Arbeitskräftebedarfs ein Außenlager des KZ-Ravensbrück an der Lagerstraße, ca. 1km vom Munitionswerk entfernt, für 1200 Häftlingsfrauen errichtet.«

2018: der erste Schritt für eine Gedenkstätte wird getan. Am Standort des ehemaligen Außenlagers des KZ-Ravensbrück wird eine Informations- und Gedenktafel enthüllt, die dem Engagement von Malchows Archivar Dieter Kurth und dem Ehepaar Seiler zu verdanken ist.

2021 geht es weiter: Mit zwei 14-tägigen Jugendcamps sollen die Arbeiten beginnen. Malchower Schüler werden dann mit Schülern aus Lateinamerika, insbesondere aus Mexiko, die Fundamente des KZ-Lagers freilegen. »Die Jugend soll mit eigenen Händen Geschichte ausgraben« – eine globale Botschaft, die Stadtarchivar Dieter Kurth an die Heranwachsenden vermitteln möchte: „Ihr seid nicht schuld, aber ihr tragt die künftige Verantwortung, dass sich so etwas nicht wiederholt“.

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Unser Dank

Viele Gedanken, Fotos, Texte und Informationen haben wir dem Bericht von Hermann Grothe entnommen. Stadtarchivar Dieter Kurth hat uns die Textsammlung »Das Kriegerdenkmal meiner Kinderzeit« des inzwischen gestorbenen Malchowers zu Verfügung gestellt, hat uns beraten und viele der historischen Postkarten und Fotos in dieser Dokumentation beigesteuert. Die Abbildungen aus den Kapiteln »Die Einweihung«, »Die Geschichte«, »700 Jahre Stadt Malchow«, »Wilhelm Wandschneider« und das historische Foto vom sowjetischen Denkmal sind im Besitz des Stadtarchivs Malchow.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Herrn Kurth und wünschen ihm viel Erfolg bei seinem unermüdlichen Engagement für die Erinnerungskultur in Malchow.


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I N H A L T
Das Denkmal
Findlinge
Zwei Kreuze
Das Denkmal zum 2. Weltkrieg
Das Eiserne Kreuz
Die preußische Königskrone
DDR-Musterdorf Mestlin

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Mestlin

Landkreis Ludwigslust-Parchim

Das Kriegerdenkmal für die toten Soldaten des 1. Weltkriegs befindet sich auf dem Friedhof, der rund um die stattliche Dorfkirche angelegt worden ist.

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Es steht bescheiden zwischen den Gräbern, ohne Umzäunung oder gepflastertem Platz.

 

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Man könnte es von weitem für eine weitere Grabstelle halten. Ein großer, bizarr geformter Findling steht auf einem gemauerten rechteckigen Sockel. Die bunten Bruchsteine sind mit wulstigen Fugen verbunden. Eine aufwendige Arbeit. Diese Hervorhebungen des Fugennetzes nennt man »Krampfaderfugen«. Vor dem Sockel ist mit Steinkanten ein Viereck für eine Bepflanzung abgeteilt. Oben auf dem Findling ist ein Eisenkreuz angebracht.

 

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Auf der geglätteten Frontseite des Findlings ist oben ein Eisernes Kreuz angebracht. Es ist tatsächlich aus Eisen und mittlerweile genauso verrostet wie das aufgesetzte christliche Kreuz.

MP Mestlin EKreuz web

Hier in Mestlin ist dieses militärische Ehrenzeichen in der Variante der zweiten Stiftung des Ordens zu sehen: oben die preußische Königskrone, in der Mitte das »W.« für Wilhelm II. und unten »1914« für das Stiftungsjahr des Ordens.

Unter dem Eisernen Kreuz ist eine graue, teilweise schwarz polierte Granittafel eingelassen. Auf der grauen Fläche mit breitem Trauerrand werden die 21 Namen der toten Soldaten in zwei Spalten aufgezählt. Genannt sind lediglich das Initial des Vornamens und der Familienname. Ohne weiteres Ordnungsprinzip sind die Soldaten ihren Heimatgemeinden zugeteilt: 15 Männer kamen aus Mestlin, zwei aus Mühlenhof, drei aus Ruest und schließlich einer aus Vimfow. Die Namen der Gemeinden sind mit Einzug gesetzt.


MP Mestlin Tafel oben web


Über der Namensliste steht die Zuweisung der Denkmalsstifter, mittig gesetzt:

Für Volk und Vaterland
fielen im Weltkriege 1914-18.

Sie verbreitet die Botschaft, die Toten hätten mit ihrem Leben für die Gemeinschaft eingestanden. Sie wären für das in Not geratene »Vaterland« gestorben:

»Wenn in den Inschriften explizit erwähnt wird, für was die Soldaten gestorben sind, ist es in den häufigsten Fällen das ›Vaterland‹. Die Verwendung dieses Begriffes war nach dem Ersten Weltkrieg meist mit einer nationalistischen Haltung verbunden: das deutsche Vaterland, mit dem die eigene Identität untrennbar verknüpft ist, und nur das deutsche Vaterland stellt höchsten Wert dar. Dass dieses ›Vaterland‹ aus dem Streben nach europäischer Vormachtstellung mit im wahrsten Sinne Feuereifer in den Ersten Weltkrieg eingetreten ist, die Soldaten also in Wahrheit für einen Staat starben, der mittels ihrer Hilfe und ohne Rücksicht die eigenen Machtinteressen verfolgte, wird ausgeblendet.«

Kerstin Klingel, Eichenkranz und Dornenkrone, 2006, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, S.94


»Der Erste Weltkrieg war eine Materialschlacht – auch in der Propaganda. Für alle kriegerischen Auseinandersetzungen gilt, dass Objektivität und Ausgewogenheit den eigenen Interessen zumeist entgegenlaufen. Wenn das vermeintliche Wohl und die Zukunft des Staates auf dem Spiel stehen, ist es das Ziel einer jeden Regierung, den Fluss unabhängiger Informationen so weit es geht zu unterbinden und eine geschlossene Meinungsfront aufzubauen, um einen möglichst großen Teil der Bevölkerung hinter sich zu vereinen und Zustimmung für das eigene Handeln zu erhalten. Gleichzeitig gilt es, die Bevölkerung zu mobilisieren und keinen Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidungen und am glücklichen Ausgang des Konfliktes aufkommen zu lassen. In der national aufgeladenen, zum Teil hysterische Züge tragenden Atmosphäre sich überbietender Vaterlandsliebe bedurfte es keiner staatlichen Einflussnahme, um im Sommer 1914 Millionen Deutsche geistig für den Kampf zu mobilisieren.«

• Arnulf Sriba, LeMO, Lizenz »Namensnennung 4.0 international«.


Mehr bei LeMO, Deutsches Historisches Museum, Berlin



MP Mestlin Kriegerdenkmal 2012Wikimedia Commons niteshift webFoto: Wikimedia Commons / Niteshift in cooperation with Klostermönch

Dieses Foto ist acht Jahre vor unserem Besuch 2020 gemacht worden. Damals sah man das aufgesetzte Kreuz vor lauter Efeu nicht!

 

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Findlinge

»Der Findling kann als ›Klassiker‹ unter den Denkmalsformen bezeichnet werden. Denkmalsfindlinge stehen meist unter einer Eiche auf einem größeren Platz. Die große Beliebtheit von Findlingsdenkmälern ist zunächst einmal in rein äußerlichen Faktoren begründet. Granitfindlinge standen in Norddeutschland allerorts zur Verfügung, die Eiszeit hatte sie aus Skandinavien mitgebracht. Das heißt, nach einem Findling musste nicht lange gesucht werden, der Transportaufwand war bei kleinen bis mittelgroßen Findlingen gering und meistens waren die Transportwege kurz. Zudem war es leicht möglich, die Findlinge mit nur wenig Bearbeitung in Denkmäler zu ›verwandeln‹: Bei den meisten Denkmälern wurde sich lediglich darauf beschränkt, die Vorderseite leicht zu glätten und eine Inschrift einzuhauen. Häufig umringte man den Findling mit kleineren Feldsteinen, die, real oder auch nur optisch, seinen Sockel bildeten. Alles in allem war die Errichtung eines Findlingsdenkmals finanziell gesehen eine sehr günstige Angelegenheit [...]

Neben den pragmatischen ›Vorzügen‹ bei der Entscheidung für ein Findlingsdenkmal gab es aber auch ideologische Gründe. Nach völkischer Lehre im 19. Jahrhundert wurden Findlinge als urgermanische Zeugnisse angesehen. Die so genannten ›Hünengräber‹ aus prähistorischer Zeit wurden als germanische ›Heldenhügel‹ gedeutet und ihnen wurde eine spezifische nationale Aura zugesprochen. Aus diesem Grund wurden sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts von den Stiftern als besonders geeignet angesehen, identitätsstiftend zu wirken: eine geeinte deutsche Nation, die sich auf ihre germanischen Wurzeln besinnt [...]

Auch in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg wurden [...] neue Findlingsdenkmäler errichtet. Sie folgten in ihrer Bedeutung weiterhin der germanischen Tradition und zeugten von der nationalistischen Haltung der Stifter, für die der deutsche Geist im ersten Weltkrieg unzerstörbar war.«

• Kerstin Klingel, Eichenkranz und Dornenkrone, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, S. 45-47, S. 65-66

»Findlinge wecken Assoziationen zu germanischen und keltischen Hünengräbern und Dolmen. Die Romantik entdeckte sie wieder, nach den Befreiungskriegen verbreiteten sie sich als Denkmalstyp und setzten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts vorwiegend in Norddeutschland gegen den Obelisk durch. [...] Als Monolith steht der Findling für die Einheit des Landes, fast unbearbeitet, strahlt er Naturwüchsigkeit aus, selbst ein Teil der uralten Überlieferung mahnt er zu ewigem Gedenken.«

Hartmut Häger, Kriegstotengedenken in Hildesheim, Gerstenberg 2006, S.134

»Germanisierende Motive finden sich in Gestalt zahlreicher Findlingsdenkmäler. In den Hünengräbern sah man ›Vorbilder für Erinnerungsmale, würdig der Größe des Opfers, das die Söhne unseres Volkes gebracht haben‹.

• Gerhard Schneider, »... nicht umsonst gefallen»?, Hannoversche Geschichtsblätter 1991, S. 203

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Zwei Kreuze

Nah beieinander sind die beiden Kreuze angebracht. Das christliche Kreuz ist oben aufgesetzt, die Spitze des Findlings kommt uns fast vor wie der Hügel Golgatha, den neutestamentlichen Evangelien zufolge wurde dort Jesus von Nazaret gekreuzigt. Darunter dann das militärische Ehrenzeichen, ein Eisernes Kreuz. Auf Kriegerdenkmälern wird das Eiserne Kreuz den toten Soldaten von den Denkmalsstiftern posthum verliehen. Der Tod im Krieg wird als Beweis für die »Vaterlandstreue« und die Tapferkeit der Soldaten gewertet, darum wird der militärische Orden hier kollektiv verliehen. Ein Soldat, der lebend oder lebend invalide zurück gekommen ist, erhält ihn nicht. Wie passen diese Kreuze zusammen?


Der deutsche National-Protestantismus war schon seit jeher eng mit Staat und Obrigkeit verbunden; in Preußen war der König gleichzeitig oberster Kirchenherr. So wurde eine Stimmung erzeugt, die von Vaterlandsliebe und religiöser Inbrunst erfüllt war.

Bei der Einstimmung zum 1. Weltkrieg kam dann noch die Kriegslust dazu. Hofprediger Bruno Doehring am 5. August 1914 bei einem Gottesdienst vor dem Berliner Dom:

»Wir müssen zurück zum lebendigen Gott, um von ihm aus unseren Feldzug zu unternehmen! ... Der deutsche Trost von 1813 soll auch der Trost von 1914 werden. Deutsche Freiheit, deutscher Gott, deutscher Glaube ohne Spott, deutsches Herz und deutscher Stahl sind vier Helden allzumal. Diese stehn wie Felsenburg, diese fechten alles durch, diese halten tapfer aus in Gefahr und Todesbraus.«

MP Mestlin Zwei Kreuze web


Clemens Tangerding sagt in seinem Beitrag für den Deutschlandfunk »Für Deutschland gestorben« am 18.11.2012: »Die Gedenkstätten sind ausnahmslos Ausdruck des Bedürfnisses, das Gedenken an den Tod der Soldaten zu sakralisieren, also zu etwas Heiligem zu stilisieren. In Form von Kreuzen, Säulen, Räumen der Stille oder Plastiken wird nicht der Tod, sondern der vorgebliche Sinn dieses Todes dargestellt. [...] Die Sakralisierung schirmt die Gedenkorte auch gegen Widerspruch ab, denn wer würde in einem Raum der Stille oder vor einem Kreuz laut protestieren?«


MP Lancken Granitz PK5 Kreuze web


Auf dieser Propaganda-Postkarte, wie sie so oder so ähnlich massenweise im 1. Weltkrieg gedruckt wurden, ist das christliche Symbol des Kreuzes nach heutiger Einschätzung missbraucht worden.

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Das Denkmal zum 2. weltkrieg

Am Ostgiebel der Kirche, genau gegenüber vom Denkmal zum 1. Weltkrieg, steht der Gedenkstein zum 2. Weltkrieg.


MP Mestlin Denkmal Kirche web


Umgeben von immergrüner Bepflanzung steht er unter dem mittleren Fenster zum Altarraum.

 

MP Mestlin 2WK naeher web


Der amorphe Stein passt in der Farbgebung genau zu den Sockelsteinen des Kirchgebäudes. Vor der Buchsbaumhecke steht bei unserem Besuch 2020 ein bepflanzter Weidenkorb.

 

MP Mestlin 2WK web


Die Inschrift lautet:

Den Opfern
des zweiten Weltkrieges
und der Gewalt

Soll hier der Opferbegriff auf die Menschen erweitert werden, die schon ab 1933 unter dem Terrorregime der Nationalsozialisten gelitten haben? Sind ausschließlich deutsche Opfer oder sogar nur deutsche Soldaten gemeint? Wir erfahren es nicht.


MP Mestlin vom Turm 2012Wikimedia Commons niteshift webFoto: Wikimedia Commons / Niteshift in cooperation with Klostermönch

Auf diesem Foto sieht man weder das Denkmal zum 1., noch den Stein zum 2. Weltkrieg, aber es ist so spektakulär aus dem Turmfenster aufgenommen, dass wir es hier zeigen wollen.
 

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Das Eiserne Kreuz

Nach einer Skizze des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III wurde der berühmte Baumeister Karl Friedrich Schinkel am 13. März 1813 mit der Erstellung einer Reinzeichnung für das erste Eiserne Kreuz beauftragt.

Am 8. August 1914 hatte Wilhelm II dann in seiner Eigenschaft als preußischer König die Stiftung seiner beiden Vorgänger erneuert und machte das Eiserne Kreuz durch seine breit angelegte Verleihungspraxis zu  d e m  deutschen Orden.

Eisernes Kreuz 1WK Kaiser web4
    

• »Fake News« anno 1914: Das Deutsche Reich hatte gerade das neutrale Belgien überfallen, damit die Truppen sich auf dem schnellsten Weg zum Erzfeind Frankreich begeben konnten.

Mit der vierten Stiftung zu Beginn des 2. Weltkriegs durch Adolf Hitler wurde es am 1. September 1939 auch offiziell zu einer deutschen Auszeichnung. Hitler verzichtete auf seine Initialen als Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, die auf ihn persönlich vereidigt war. Stattdessen wurde das Hakenkreuz, das Symbol des NS-Staates, in die Mitte des traditionsreichen Ordens eingefügt und von der Rückseite wurden das Monogramm Königs Friedrich Wilhelms III. und das Eichenlaub entfernt.

Als Kriegsauszeichnung oder Verdienstorden wird das Eiserne Kreuz seit 1945 nicht mehr verliehen. Aufgrund seiner identitätsstiftenden Tradition bestimmte am 1. Oktober 1956 Bundespräsident Theodor Heuss das Eiserne Kreuz zum Erkennungszeichen für die Luftfahrzeuge und Kampffahrzeuge der Bundeswehr. So stellt es in allen drei Teilstreitkräften das Hoheitszeichen dar (z. B. an gepanzerten Fahrzeugen und an Luftfahrzeugen). Die Truppenfahnen der Bundeswehr tragen in ihrer Spitze ein durch goldenes Eichenlaub umfasstes Eisernes Kreuz. Auch das Ehrenzeichen der Bundeswehr (Ehrenmedaille, Ehrenkreuz in Bronze, Silber oder Gold) trägt das Eiserne Kreuz als Symbol für Freiheitsliebe, Ritterlichkeit und Tapferkeit auf der Vorderseite. Ebenso wird es auf Briefen, Visitenkarten und im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit als »Dachmarke« der Bundeswehr verwendet. Das Eiserne Kreuz als Symbol findet sich noch heute in verschiedenen Verbandsabzeichen der Bundeswehr.

Nach Wikipedia, abgerufen am 7. 12. 2017

Das Eiserne Kreuz ist das am häufigsten gezeigte Symbol in der rechten Szene. Es wird in allen erdenklichen Formen angeboten, z. B. als Ohrstecker, Anhänger oder Gürtelschnalle und als Schmuck am Auto:

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Die Preußische Königskrone

Auf dem Friedhof in Mestlin ist das Eiserne Kreuz in der Variante der zweiten Stiftung angebracht: oben die preußische Königskrone, in der Mitte das »W.« für Wilhelm II. und unten »1914« für das Stiftungsjahr des Ordens.

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Wilhelm I. aus dem Haus Hohenzollern war ab 1871 der erste Deutsche Kaiser. Wilhelm war in Preußen unter dem Namen Prinz von Preußen im Jahr 1840 Thronfolger und ab 1858 Prinzregent geworden. Ab 1861 König von Preußen, wurde er 1867 Präsident des Norddeutschen Bundes, aus dem 1871 das Deutsche Kaiserreich hervorging.

Mit der Gründung des kleindeutschen Nationalstaates 1871 stellte sich auch die Frage nach dessen symbolischer Repräsentation. Während des 19. Jahrhunderts wurde die Reichskrone zum Symbol des (groß-)deutschen Kaisertums, was sich in einer Flut von nationalen Bildern und Werken, die Darstellungen der Reichskrone aufweisen, zeigt. Für die neue kleindeutsche Monarchie unter preußischer Führung kam die Übernahme der Reichskrone nicht in Betracht. Zum einen befand sich die Reichskrone seit den napoleonischen Kriegen im Besitz der Habsburger und stand dem neuen Reich somit nicht zur Verfügung, zum anderen war sie durch ihr theologisches Programm und ihren reliquienhaften Charakter ein Ausdruck katholischen Glaubens und daher nicht für ein neues protestantisches Kaisertum geeignet. Die Verwendung einer einfachen heraldischen Mitrenkrone war aus denselben Gründen ebenso ausgeschlossen.

Man entwickelte eine eigene Kaiserkrone, die sich in der Form zwar an die Reichskrone anlehnte, aber sich auch bewusst von ihr unterschied.

Nach Wikipedia, abgerufen am 30. März 2019



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Foto: David Liuzzo / Wikimedia Commons

Dies ist ein Foto des Holzmodells der Krone des Preußisch-Deutschen Kaisers. Von 1872 bis 1940 war es im Schloss Monbijou in Berlin ausgestellt. Der Verbleib des Modells ist unbekannt.


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Das sozialistische Musterdorf Mestlin

»Mit einem prunkvollen Kulturhaus und ganz ohne Mangelwirtschaft wurde Mestlin in den 50ern zum Musterdorf in der DDR. An die 200 dieser Siedlungen sollte es geben – doch Mestlin blieb einzigartig.« So leitet der NDR seinen Betrag über Mestlin in der Reihe »Unsere Geschichte – Hausbesuch« am 8. November 2021 ein.

Link zum Beitrag

 

MP Mestlin 1970 web

1970

»Anfang der 1950er-Jahre entstand in der DDR eine Siedlung am Reißbrett als sozialistischer Traum vom Landleben. Fast 200 solcher Dörfer sollten allein im heutigen Mecklenburg-Vorpommern gebaut werden. Durchgeplant bis ins Detail, aber ein wenig überdimensioniert. Sie sollten Geschichte schreiben, aber realisiert wurde nur eines: das Musterdorf Mestlin. Die Kosten waren zu hoch für die DDR. Allein in Mestlin schlug das riesige Kulturhaus mit der Adresse Marx-Engels-Platz 1 mit fast 3,5 Millionen Mark zu Buche. Saal und Bühne kamen zusammen auf fast 700 Quadratmeter.«

 

MP Mestlin 1985 web

1985

»Das alte Dorf, knapp 40 Kilometer östlich von Schwerin, sollte ein Leuchtturm der Moderne werden. Hofstellen wurden abgerissen, nur die Kirche im gotischen Stil durfte bleiben. Eine Polytechnische Oberschule, Krankenhaus, Restaurant, Post, Geschäfte und ein Kindergarten - die Planer hatten an alles gedacht. In Mestlin gab es, wovon andere in der DDR nur träumen konnten. Allein die Konsumgenossenschaft verkaufte 1960 nahezu 90 Fernseher, 30 Motorräder und 20 Kühlschränke. Mangelwirtschaft durfte es nicht geben.«

 
»Die Wiedervereinigung bedeutete auch für das Kulturhaus eine Zeitenwende. Plötzlich gab es keine Zuschüsse mehr aus der Hauptstadt. Ehemals ein Haus mit Strahlkraft für die Region, wurde es zum Sanierungsfall, denn die kleine Gemeinde war mit dem Erhalt des Baus hoffnungslos überfordert. Binnen kurzer Zeit sank die Einwohnerzahl des Ortes von 1.700 auf 700. Anfang der 90er-Jahre pachtete ein Hamburger Gastronom das Kulturhaus und eröffnete darin eine Großraum-Disko. Das Konzept ging zunächst auf, doch nach einem Jahr war Schluss. Das versprochene Geld für die Gemeinde blieb aus, das Kulturhaus war verwüstet. ›Das ist sehr schade, dass innen die ganzen Zeitdokumente, die Einrichtungsgegenstände, die Technik weg sind‹, sagt Claudia Stauß vom Verein ›Denkmal Kultur Mestlin‹. Seit 2008 mühen sich Stauß und ihre Mitstreiter, überwiegend Zugezogene, den historischen Ort nicht nur zu erhalten, sondern ihn wiederzubeleben.«

Ein wichtiger Schritt: 2011 wurde das Gebäude als national bedeutsames Denkmal anerkannt.

 

MP Mestlin Kulturhaus 2012 09 05 066 Wikimedia Commons Niteshift webFoto: Niteshift, Wikimedia Commons, Creativ-Commons-Lizenz 3.0


Das Kulturhaus von der Seite am 5. September 2012 ...

MP Mestlin Kulturhaus 2014 09 08 7a Niteshift Wikimedia Commons webFoto: Niteshift, Wikimedia Commons, Creativ-Commons-Lizenz 3.0

... und am 8. September 2014.

 

»Zu DDR-Zeiten wurde Mestlin bis 1959 zu einem sozialistischen Musterdorf ausgebaut. In dem gewaltig überdimensionierten von 1954 bis 1960 im Zentrum des neuen Dorfes errichteten Kulturhaus ­– einem zweigeschossigen Bau mit 57 Meter Länge und über 28 Meter Breite – fanden regelmäßig Veranstaltungen statt: Kino, Theater, Lesungen. Das Angebot war mit dem einer Großstadt vergleichbar. Laut dem NDR besuchten bis zur Wende jährlich bis zu 50.000 Menschen die Veranstaltungen dort. Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Dörfern strömen in die Mestliner Schule, die Regale in der Kaufhalle waren stets gut gefüllt. Auch die sonst üblichen langen Wartezeiten auf Dinge wie Mopeds oder Haushaltswaren kannte man in Mestlin kaum. Das Rückgrat bildete die zur damaligen Zeit größte LPG der DDR, die in und um Mestlin eine Fläche von unvorstellbaren 2300 Hektar bewirtschaftete. Nachdem der Bau des Musterdorfs abgeschlossen war, hatte sich die Bevölkerungszahl um einige hundert Menschen vergrößert. Mestlin war wegen seiner umfangreichen Angebote vor allem für junge Familien attraktiv.

Der vorübergehende Erfolg sprach sich schnell herum. Der damalige chinesische Bauminister kam zu Besuch, auch Politiker aus Ländern wie der Sowjetunion, Bulgarien, Polen und Tschechien geben sich die Klinke in die Hand. Jedoch ging es mit Mestlin bald schon wieder bergab, denn die Landwirtschaft warf bei Weitem nicht das ab, was die DDR-Regierung sich erwartete. So hatten die Bauern für die Bestellung der Felder veraltete Technik zur Verfügung. Zudem sanken nicht selten Maschinen in dem feuchten Feldboden um Mestlin ein. Auch die Viehzucht geriet zum Debakel, weil die Menschen – verkürzt gesagt – schlicht nicht wussten, was man dafür genau tun muss. Schon bald begann daher eine Landflucht, denn zahlreiche Bauern wurden wegen der ausbleibenden Erfolge schikaniert. Mitunter durchsuchte man sogar deren Häuser, weil man vermutete, dass sie ihre ausbleibenden Erträge vor dem Regime verstecken wollen.

Das einst so stolze Kulturhaus wurde in den 1980er Jahren als Schaustätte für Boxkämpfe genutzt, die einstmals riesige LPG teilte sich in mehrere kleine Betriebe auf. Der endgültige Todesstoß kam nach der Wende. Zwei der drei Appartement-Blöcke werden wegen Leerstands abgerissen, immer mehr Menschen flüchten auf der Suche nach Arbeit, die es in Mestlin nicht mehr gab.«

Wikipedia, abgerufen am 14. November 2021

Mehr auf Wikipedia zu Mestlin

Mehr auf Wikipedia zum Kulturhaus


Zum Weiterlesen: Musterdorf Mestlin. Vom Klostergut zur »Stalinallee der Dörfer«, Friedemann Schreiter, Chr. Links Verlag, Berlin, 2007, mit vielen Fotografien.


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Das Denkmal
Die Begriffe
Der Stahlhelm

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Mistorf

Landkreis Rostock

Das Denkmal für die toten Soldaten des 1. Weltkriegs steht auf einer Wiese am Dorfteich direkt an der Landstraße 142, die von Güstrow nach Schwaan führt.

MP Mistorf weit web


Unvermittelt steht es auf dem gepflegten Gelände, einen Blumentopf mit einer Bananenpflanze wurde dazu gestellt und unter der Tafel fristet ein kleiner Blumenkasten sein Dasein.

 

MP Mistorf Denkmal web


Der Denkmalstein hat einen massiven Sockel aus Feldsteinen in weiß-beige-braun Tönen. Mit reichlich fast weißem Zement zwischen den Steinen ist der Sockel deutlich heller als der mittelbraune kantige Stein.

 

MP Mistorf Tafel web


An der geraden Frontseite wurde mit drei halbkugeligen Schrauben eine kleine Eisentafel befestigt. Mittlerweile ist sie sehr dekorativ verrostet. Im dreieckigen Abschluss oben ist das Relief eines Stahlhelms zu sehen und unter den dann folgenden Jahreszahlen des 1. Weltkriegs ein schlichtes Eisernes Kreuz mit leicht wulstigem Rand – alles im Puppenstubenformat.

In erhabenen Buchstaben steht dort:

1914  –  1918.

DEN GEFALLENEN HELDEN
ZUR
EHRE.

DIE DANKBARE HEIMAT.

 

MP Mistorf Seitlich web


Von der Seite sieht man: es ist ein flacher Stein auf dem ordentlich großen Sockel. Dahinter der Dorf- und wahrscheinlich auch Feuerwehrteich.

 

MP Mistorf hinten web


Blick auf die Landstraße von Güstrow nach Schwaan, erstaunlicherweise ohne Auto.

 

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Die Begriffe

Gefallene Helden:
»Gefallenendenkmal« verweist auf das Wort »fallen«, dem Wörter wie »hinfallen« aber auch »fällen« zuzuordnen sind. Der Tod im Krieg versinnbildlicht sich in diesen Wörtern. Er entkleidet sich im Wort »fallen« seines Schreckens, im Wort »fällen« verkleidet er sich in einen starken Baum, der von einem Naturereignis (Blitzschlag) oder einem übermächtigen technischen Mittel (Axt, Säge) umgelegt wurde. Es ist ein aseptischer Tod, der nichts mit den apokalyptischen Bildern gemein hat, die beispielsweise Erich Maria Remarque und Wolfgang Borchert in der Literatur oder Otto Dix in der bildenden Kunst hervorrufen: zerfetzte Gedärme, verpestete Lunge [...] Für das Fallen ist niemand so recht haftbar zu machen: der Schnee fällt, die Aktienkurse fallen – das Schicksal waltet hier wie dort.

Hartmut Häger, Kriegstotengedenken in Hildesheim, S. 22. Herausgegeben von Herbert Reyer, Stadtarchiv Hildesheim, Band 17, Gerstenberg, 2006


Prinzipiell existieren keine Helden, sondern sie werden per Zuschreibung von außen dazu gemacht. Dies erkennt man bereits daran, dass heute andere Menschen als Helden gelten, als zur Zeit des 1. und  2. WK. Es handelt sich um eine Konstruktion, die einen bestimmten Zweck erfüllen soll, denn nicht jeder Soldat ist ein Held. Auch werden andere am Krieg direkt oder indirekt Beteiligte (Dichter, Ärzte, Hausfrauen, Invaliden usw.) deutlich seltener als Helden verehrt – von Kriegsgegnern ganz zu schweigen. Durch diese »Opferhelden« werden bestimmte Werte, die dieser Held verkörperte erhöht und für die Gesellschaft als besonders erstrebenswert definiert, wie z.B. die Opferbereitschaft, »Vaterlandsliebe«, Mut, Furchtlosigkeit. Im Gegenzug lässt sich gleichfalls nicht heldisches Benehmen erkennen: Zögern, Zaudern, Furcht, Illoyalität usw. Durch den universellen Anspruch des Heldengedenkens wird die »Leistung für das Gemeinwesen« anerkannt und wirkt fortan als Vorbild, was zur Militarisierung der Gesellschaft beiträgt (Opferheldenverehrung des 1. WK trug zu Militarisierung im Zuge des 2. W.K. bei). »Jede Glorifizierung eines Menschen, der im Krieg getötet worden ist, bedeutet drei Tote im nächsten Krieg.« (Kurt Tucholsky)

www.kirchliche-dienste.de/arbeitsfelder/frieden/Gedenkorte-fuer-Verstorbene-der-Weltkriege


Mit der Bezeichnung »Held« sollte die besondere militärische Leistung des Gefallenen, die letztendlich vor allem in seinem Tod bestand, verbal ausgezeichnet werden. Der Tod der Soldaten belegt nicht ihr militärisches Versagen, sondern zeugt von besonderem Mut und Einsatz. Das soll die Hinterbliebenen stolz machen. [...] Die Soldaten, die lebend aus dem Krieg wieder heimgekehrt sind, werden in den Inschriften nicht als Helden bezeichnet.

Kerstin Klingel, Eichenkranz und Dornenkrone, 2006, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, S. 89

 

MP Mistorf Text web

 

Ehre:
Hundert Jahre nach Beginn des großen Schlachtens auf den Feldern, die angeblich die Ehre, wahrhaftig aber Elend und Tod bedeuten, steht der großdeutsche Heldenkitsch noch immer an den Mauern des Franziskanerklosters. Keine neue Gedenktafel relativiert den sträflichen Unfug von »Ehre«, »Heldentod« und »Vaterland«, kein Schaukasten erläutert, dass ein »heiliger Kampf« niemals der für Kolonien, Absatzmärkte, Macht, Einflusssphären oder Rohstoffe sein kann, sondern – zumal aus Sicht der Franziskaner – nur der für Gott und seine Liebesbotschaft, für die Zuneigung zum Nächsten und den Frieden in der Welt; dass also ein christlicher Kampf genau das Gegenteil von dem ist, was damals über Europa gebracht wurde.

• kommunal.blogspot.de / Region Aschaffenburg-Miltenberg


Als wir etwas sehen konnten und Zeit zum Nachdenken hatten, wurde mir langsam klar, was für ein schreckliches Szenario sich hier abgespielt hatte. Wir dachten an Begriffe wie »Ehre« und »Ruhm«, die so viele Menschen in ihrer Unwissenheit mit dem Krieg in Verbindung bringen. Sie hätten die Decks der SMS »Broke« am 1. Juni 1916 um 4 Uhr morgens sehen sollen. Da hätten sie gesehen, wie der »Ruhm« und die »Ehre« tatsächlich aussahen. Achtundvierzig unserer Männer waren gefallen und die meisten waren so zugerichtet, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen waren. Weitere vierzig waren sehr schwer verwundet. Ungefähr fünf Stunden lang versuchten wir, alle unsere toten Kameraden zu finden, sie von dem halbzerstörten Mannschaftsdeck zu schleifen und ihre Leichen über Bord zu werfen, damit sie in der tiefen See ihre letzte Ruhe finden konnten. Das waren die »Ehre« und der »Ruhm«, die uns zuteil wurden. Es kommt einem vor wie ein Massenmord. Man fragt sich, wie die Menschen diese Kühnheit aufbringen konnten. Hätten wir nur einmal kurz überlegt, auf was wir uns da einlassen, wären wir niemals in den Krieg gezogen.

• Telegraphist J. Croad, SMS »Broke« in Seeschlacht ohne Sieger, Skagerrak – Jutland 1916. Deutsches Marinemuseum Wilhelmshaven, HG. Stephan Huck


Die dankbare Heimat:
... verbreitet die Botschaft, die Toten hätten mit ihrem Leben für die Gemeinschaft eingestanden. Sie hätten ihr Leben für »uns«, für die »Heimat«, für das »Vaterland« gegeben:

Wenn in den Inschriften explizit erwähnt wird, für was die Soldaten gestorben sind, ist es in den häufigsten Fällen das »Vaterland«. Die Verwendung dieses Begriffes war nach dem Ersten Weltkrieg meist mit einer nationalistischen Haltung verbunden: das deutsche Vaterland, mit dem die eigene Identität untrennbar verknüpft ist, und nur das deutsche Vaterland stellt höchsten Wert dar. Dass dieses »Vaterland« aus dem Streben nach europäischer Vormachtstellung mit im wahrsten Sinne Feuereifer in den Ersten Weltkrieg eingetreten ist, die Soldaten also in Wahrheit für einen Staat starben, der mittels ihrer Hilfe und ohne Rücksicht die eigenen Machtinteressen verfolgte, wird ausgeblendet.

Kerstin Klingel, Eichenkranz und Dornenkrone, 2006, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, S.94


Auf welchem dieser steinernen oder metallenen »Ehrenmale« wurde beim Namen genannt, für wen oder was gestorben worden ist? Kein Wort von nationaler Machtpolitik, von Hegemonialstreben, nackten Besitzinteressen, Beutegier, Eroberungsgelüsten und Weltherrschaftsphantasien, für die Millionen von deutschen und fremden Soldaten umgekommen sind. Diese Motive werden ebenso wenig genannt wie die Namen derer, die in den beiden Weltkriegen aus dem Massensterben Profit geschlagen, Blut in Gold verwandelt und zu ihrem eigenen militärischen Ruhm gewissenlos ganze Armeen geopfert haben.

Ralph Giordano, Die zweite Schuld, S. 324

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Der Stahlhelm

Neben dem militärischen Ehrenzeichen Eisernes Kreuz ist die Darstellung des Stahlhelms das meist gezeigte Symbol auf Kriegerdenkmälern. Hier noch einmal der kleine Helm von Mistorf:

MP Mistorf Helm web

Die neuen Methoden der Artilleriekampfes im 1. Weltkrieg erforderten einen verbesserten Kopfschutz für die Soldaten. Der Lazarettarzt Professor August Bier (nach ihm ist z.B. eine Klinik in Bad Malente / Schleswig-Holstein benannt) beobachtete höchst gefährliche Granatsplitterverletzungen des Gehirns in erschreckender Häufigkeit und entwickelte darum zusammen mit dem Ingenieur Dr. Friedrich Schwerd den neuen Helm aus Stahl, der die bis dahin getragenen ledernen Pickelhauben ablöste. Die ersten 30 000 Helme wurden im Dezember 1915 an die Truppen an der Westfront ausgeliefert.

Die Vorstellung von der stählernen Schutzwirkung wurde fortan auf Postkarten, Kriegsanleiheplakaten, Schmuckblättern usw. propagandistisch ausgeschlachtet und symbolisch überhöht. Bis zum Ende des 2. Weltkrieges wurde dieser Symbolwert noch gesteigert.


     SH Kasseedorf Plakat Stahlhelm web

     Plakat von Ludwig Hohlwein zum 10. Reichsfrontsoldatentag 1929

Der Historiker Jürgen Kraus macht drei vorherrschende semantische Felder aus, die dem Stahlhelm in diesem propagandistischen Zusammenhang schon für die Zeit des Krieges zugeordnet werden können. Zum einen hoben die Kriegsanleiheplakate den einzelnen Soldaten aus dem »massenhaften Elend der Materialschlachten« heraus, der nun »gleichermaßen geschützt wie heroisiert durch den neuen Stahlhelm siegessicher als Heldenfigur auf den Plakaten erschien.« In seiner Funktion als Schutzhelm verwies er auf die Gefahren und den Tod auf dem Schlachtfeld und wurde von daher zum Symbol für die Front schlechthin. Viel stärker als die Pickelhaube, die nun endgültig als Symbol für das Militär abgelöst war, vermochte der Stahlhelm den veränderten Bedingungen des Krieges kurz vor dessen Ende auch symbolisch Rechnung zu tragen.

Ein zweites semantisches Feld ergab sich besonders in der zweiten Kriegshälfte aus »der Vorstellung der ›stählernen‹ Schutzwirkung des Stahlhelms«, die nahe legte, daß der so behelmte Soldat an der Front imstande war, dem permanenten Beschuß durch den übermächtigen Feind, dem ›Stahlgewitter‹, standzuhalten und damit ein Vorbild für den Durchhaltewillen an der Front und auch in der Heimat zu sein.

Das dritte semantische Feld folgt laut Kraus schließlich aus der großen formalen Ähnlichkeit des neuen Stahlhelms mit typischen Helmformen des Mittelalters. [...] Indem der Träger des Stahlhelms so in die Nähe der historischen Gestalt des Ritters »als Repräsentant des deutschen Heeres« gerückt wurde, was auf zahlreichen Plakaten der Zeit in vielfältiger Weise geschah, konnte er als überzeitlicher »Kämpfer für Deutschland« stilisiert werden, der »ganz wie seine Vorkämpfer über die Jahrhunderte hinweg Unheil von Deutschland abzuwehren bestimmt war.«

Aus Kriegsvolkskunde, Gottfried Korff (Hg.), Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V., 2005, S.13


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Das Denkmal
Die Geschichte
Die Inschriften

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Morgenitz

Auf Usedom, Landkreis Vorpommern-Greifswald

Der Gedenkstein für die getöteten Soldaten des 1. Weltkriegs steht vor dem Glockenstuhl der Kirche in Morgenitz. Der große Findling trägt eine rechteckige Bronzeplatte mit runder Auswölbung am oberen Rand.

MP Morgenitz Kriegerdenkmal web


In der Mitte der Platte ist ein Soldat in voller Kampfausrüstung abgebildet: geschultertes Gewehr, Patronengürtel, Tornister, Stock, Stahlhelm, feste Stiefel; aber auch eine Rose im Knopfloch und das Gewehr mit Eichenlaub geschmückt. Vielleicht soll es die realistische Darstellung eines mit Begeisterung losmarschierenden Soldaten am Beginn des Krieges sein? An den Seiten kann man dann die 15 Namen der toten Soldaten lesen.

Inschrift oberhalb:
1914 – 1918
Starben für’s Vaterland:

Inschrift unterhalb:
Lebt dem Vaterlande, für das wir starben!

MP Morgenitz Platte web

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Die Geschichte

Vor dem 2. Weltkrieg hat Pastor Wilhelm Hörstel mit vielen Helfern, sechzehn Pferden und diversen Flaschenzügen den Stein aus dem Gothensee nach Morgenitz geschafft. Damals war der See an seinen flachen Stellen ohne Wasser, weil er zur Landgewinnung teilweise trockengelegt worden war.

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Die Inschriften

Wenn in den Inschriften explizit erwähnt wird, für was die Soldaten gestorben sind, ist es in den häufigsten Fällen das »Vaterland«. Die Verwendung dieses Begriffes war nach dem Ersten Weltkrieg meist mit einer nationalistischen Haltung verbunden: das deutsche Vaterland, mit dem die eigene Identität untrennbar verknüpft ist, und nur das deutsche Vaterland stellt höchsten Wert dar. Dass dieses »Vaterland« aus dem Streben nach europäischer Vormachtstellung mit im wahrsten Sinne Feuereifer in den Ersten Weltkrieg eingetreten ist, die Soldaten also in Wahrheit für einen Staat starben, der mittels ihrer Hilfe und ohne Rücksicht die eigenen Machtinteressen verfolgte, wird ausgeblendet. Nach der Niederlage, die im Nachhinein durch die so genannte »Dolchstoßlegende« von vielen Deutschen bereitwillig uminterpretiert wurde, und dem Versailler Vertrag entwickelte sich zu Beginn der 1920er Jahre in vielen Köpfen eine Trotz-Haltung, ein »Jetzt erst recht«-Gedanke, der Kritik an der deutschen Kriegspolitik nicht zuließ.

Die »Dolchstoßlegende« ist eine Verschwörungstheorie der damaligen politisch Rechten, die 1919 von Feldmarschall Paul von Hindenburg, der unfähig war, sich das eigene Versagen bei der Kriegsführung im Ersten Weltkrieg einzugestehen, zusätzlich genährt wurde. Sie besagt, dass das deutsche Heer »im Felde unbesiegt« war, aber die Heimat ihm durch die Agitationen der politischen Linken und die Revolution 1918 in den Rücken gefallen sei. Diese Theorie entbehrt jeder berechtigten historischen Grundlage, sie stieß jedoch bei vielen Deutschen auf offene Ohren und trug, von den Nationalsozialisten bereitwillig aufgegriffen, schließlich auch zum Scheitern der Weimarer Republik bei. (Vgl. Helmut M. Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte. Bonn 2002.)

Kerstin Klingel, Eichenkranz und Dornenkrone, 2006, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg

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I N H A L T
Das Denkmal zum 1. Weltkrieg
Das Denkmal zum 2. Weltkrieg aus dem Jahr 2012
Das Eiserne Kreuz
Die Inschriften

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Mueß

Stadtteil der Landeshauptstadt Schwerin

Auf einem Randstreifen an der ›Alte Crivitzer Landstraße‹, Ecke ›Zum alten Bauernhof‹ stehen die beiden Kriegerdenkmäler für die toten Soldaten der zwei Weltkriege. Sie sind sich in Details sehr ähnlich, aber man glaubt es kaum: das Denkmal für die toten Soldaten der Deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg ist am 17. November 2012 errichtet worden – fast 70 Jahre nach Kriegsende.


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Vor den Denkmälern verläuft der Fuß- und Radweg, knapp daneben steht eine Rundbank um die Dorflinde. Auf dem angrenzenden, tiefer liegenden Grundstück, hinter der »grünen Wand« aus verschiedenen Sträuchern, befindet sich das Dorfmuseum.

 

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Die Denkmäler sind eingepasst in eine lose gelegte Feldsteinmauer, die ein Beet mit bunten Blumen eingrenzt. Alles sieht sehr gepflegt aus. Diese kleine Anlage mit Kranzhalter zwischen den Denkmälern ist 2012 mit dem neu aufgestellten Stein für den 2. Weltkrieg entstanden. Vorher stand das Denkmal zum 1. Weltkrieg allein an einem Plattenweg.

 

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Der rundliche schwarze Stein auf der rechten Seite ist an der Frontseite poliert, er steht auf einem in etwa gleich hohen gemauerten Sockel aus bunten, unterschiedlich geformten Bruchsteinen. Der Sockel hat die Form eines Pyramidenstumpfs.

 

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Oben auf dem Stein sehen wir ein doppelt konturiertes Eisernes Kreuz. Das militärische Ehrenzeichen ist dargestellt mit preußischer Königskrone, einem »W« für König Wilhelm II. und der Jahreszahl 1914 für das Jahr der 2. Stiftung. Darunter liegen zwei gekreuzte Eichenzweige.

Das Eichenlaub ist ein politisches und militärisches Symbol und eine Figur in der Heraldik (Wappenkunde). Mit der Nationalromantik des 19. Jahrhunderts, mit der Deutschen Revolution 1848/1849 und der Reichsgründung 1871, die das Gefühl nationaler Einheit bestärkten, zog das Eichenlaub in die deutsche Symbolsprache ein. Auf deutschen Ehrenmalen, Kränzen, Hoheitszeichen und dergleichen dient Eichenlaub in ähnlicher Form wie Zweige des Lorbeerstrauches bzw. der Lorbeerkranz und ist eine besondere Auszeichnung. Aus diesem Grund findet man Eichenlaub oft auf Orden, Symbolen und Münzen, so beispielsweise als Erweiterung des Ordens Pour le Mérite sowie auf dem Eisernen Kreuz.

Nach Wikipedia, abgerufen am 12. November 2019


Darunter lesen wir die Titelzeile in einer klassischen Serifenschrift:

Es starben den Heldentod 1914 - 18.

 

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Es folgen die Vor- und Nachnamen der zwölf toten Soldaten aus Mueß in zwei Spalten mit kräftiger Mittellinie. Geordnet sind sie nach Sterbedatum – allerdings nur die im »heldenhaften Kampf gefallenen«, hier abgekürzt mit: »gef.«, zwei Soldaten stehen am Ende der Liste als »gestorben«, hier »gest.«, womöglich im Lazarett oder bei einem Unfall.


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Das Denkmal zum 2. Weltkrieg

Die Einweihung des Kriegerdenkmals für die toten Soldaten des 2. Weltkriegs begann am 17. November 2012 um 11 Uhr. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. In der Einladung zu diesem Ereignis hat der Volksbund das Programm bekannt gegeben:

Begrüßung: Gesine Kröhnert, Kulturamt Schwerin
Gedenkansprache: Klaus Lemke, Kreisvorsitzender SN Volksbund
Musikstück: Posaune Jan Erik Krüger
Kirchliche Weihe: Domprediger Volker Mischok*
Totengedenken: Karsten Richter, Landesgeschäftsführer Volksbund
Verlesung Namen der Kriegstoten: Karsten Richter, s.o.

*Pastor Mischok hatte keine Zeit und wurde von Propst Holger Marquardt, Pastor der Schlosskirchengemeinde vertreten.

Der Stifter des Denkmals ist der Mueßer Steinmetz Friedrich-Walter Beckmann.

 

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Diese Denkmalsplatte ist aus dem gleichen schwarzen Stein, ist jedoch schmal und hoch und steht darum nur auf einem niedrigen Feldsteinsockel. Trotzdem überragt dieser nahezu rechteckige Denkmalsstein den rundlichen. Auf dem Stein davor wurde im Mai 2019 eine Blumenschale abgestellt.

 

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Oben auf der Steinplatte wurde das Emblem des ersten Denkmals nachempfunden – wieder das Eiserne Kreuz auf Eichenlaub. Nur: es gab ja nun beim 2. Weltkrieg weder Königs- noch Kaiserkrone, noch ein »W« für einen Wilhelm. Das ließ man also weg. Aber eine Jahreszahl sollte schon sein, man entschied sich für »1813«, das Jahr der ersten Stiftung durch den preußischen Königs Friedrich Wilhelm III.


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Eigentlich hätte dort ein Eisernes Kreuz mit Hakenkreuz in der Mitte abgebildet werden müssen, so wurde es von Adolf Hitler in vierter Stiftung zu Beginn des 2. Weltkriegs für die Soldaten der Deutschen Wehrmacht vergeben, aber damit hätte man sich strafbar gemacht.

Hier wird erklärt, warum das so ist


 
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Auch mit den Namen war es fast 70 Jahre nach Kriegsende nicht einfach. Viele Informationen fehlen. Darum musste man die Ordnung nach Sterbedatum aufgeben und entschied sich für eine alphabetische Reihenfolge nach dem ersten Buchstaben des Nachnamens. Die stehen nun vorne, der Vorname ist nachgestellt. Die bekannten Sterbedaten betreffen die letzten drei Kriegsjahre. Neun Soldaten sind »gefallen« (»gef.«), einer ist nach Kriegsende »gestorben« (»gest.«) und zwei sind »vermisst« (»verm.«).

 

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Die Inschrift unter der Namensliste lautet:

Im Gedenken
an die
gefallenen und vermissten
Mueßer

Dass der 2. – wie im übrigen auch der 1. – Weltkrieg ein Angriffskrieg Deutschlands war und die gefallenen Soldaten Beteiligte dieses verbrecherischen Krieges, wird nicht erwähnt.

 

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Zwischen den Denkmälern steht ein Kranzhalter.

 

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Noch einmal der Dorfplatz mit der Mueßer Informationstafel.

 

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Das Eiserne Kreuz

Nach einer Skizze des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. wurde der berühmte Baumeister Karl Friedrich Schinkel am 13. März 1813 mit der Erstellung einer Reinzeichnung für das erste Eiserne Kreuz beauftragt.

Am 8. August 1914 hatte Wilhelm II. dann in seiner Eigenschaft als preußischer König die Stiftung seiner beiden Vorgänger erneuert und machte das Eiserne Kreuz durch seine breit angelegte Verleihungspraxis zu einem quasi deutschen Orden. Mit der vierten Stiftung zu Beginn des 2. Weltkriegs durch Adolf Hitler wurde es am 1. September 1939 auch offiziell zu einer deutschen Auszeichnung. Hitler verzichtete auf seine Initialen als Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, die auf ihn persönlich vereidigt war. Stattdessen wurde das Hakenkreuz, das Symbol des NS-Staates, in die Mitte des traditionsreichen Ordens eingefügt und von der Rückseite wurden das Monogramm Königs Friedrich Wilhelms III. und das Eichenlaub entfernt.


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• Auch Hitler trug das Ehrenkreuz an der Brust

»Vor allem die nahe der Front operierenden Sonderkommandos, die sowohl Juden ermordeten als auch an der Partisanenbekämpfung beteiligt waren, wurden von den Armeegenerälen reichlich mit Eisernen Kreuzen bedacht. Um nur die größten Verbrecher unter ihnen zu nennen, sei auf Rudolf Lange verwiesen, der für den Mord an den Juden Lettlands verantwortlich war, und auf Friedrich Jeckeln, der Massaker um Massaker organisierte, in der Westukraine, in Kiew (Babij Jar) und in Riga. Beide bekamen schließlich das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse.«

Zitiert aus einem Artikel »Orden für Massenmord« von Dieter Pohl 

DIE ZEIT, 5.6.2008

 


Soldaten der Wehrmacht kämpfen nicht nur pflichtschuldig  und gehorsam. Ohne die Gefühlswelt aus Stolz, Ehre und Männlichkeit ist nicht zu erklären, warum so viele an die Front streben – und dem Krieg bis zum Untergang verhaftet bleiben. (Frank Werner in ZEITGeschichte 4/2018)

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Begehrenswerte Ordensbrust in »Die Woche« Januar 1940.

 

Als Kriegsauszeichnung oder Verdienstorden wird das Eiserne Kreuz seit 1945 nicht mehr verliehen. Aufgrund seiner identitätsstiftenden Tradition bestimmte am 1. Oktober 1956 Bundespräsident Theodor Heuss das Eiserne Kreuz zum Erkennungszeichen für die Luftfahrzeuge und Kampffahrzeuge der Bundeswehr. So stellt es in allen drei Teilstreitkräften das Hoheitszeichen dar (z. B. an gepanzerten Fahrzeugen und an Luftfahrzeugen). Die Truppenfahnen der Bundeswehr tragen in ihrer Spitze ein durch goldenes Eichenlaub umfasstes Eisernes Kreuz. Auch das Ehrenzeichen der Bundeswehr (Ehrenmedaille, Ehrenkreuz in Bronze, Silber oder Gold) trägt das Eiserne Kreuz als Symbol für Freiheitsliebe, Ritterlichkeit und Tapferkeit auf der Vorderseite. Ebenso wird es auf Briefen, Visitenkarten und im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit als »Dachmarke« der Bundeswehr verwendet. Das Eiserne Kreuz als Symbol findet sich noch heute in verschiedenen Verbandsabzeichen der Bundeswehr.

Nach Wikipedia, abgerufen am 7. 12. 2017

Neben dem Thorshammer ist das Eiserne Kreuz das am häufigsten gezeigte Symbol in der rechten Szene. Es wird in allen erdenklichen Formen angeboten, z. B. als Ohrstecker, Anhänger oder Gürtelschnalle.


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Die Inschriften

»Sie starben den Heldentod« steht auf den Denkmälern. So, als ob das Sterben die Erfüllung ihres Lebens, die Bestimmung des soldatischen Auftrags ist. Der Tod eines Soldaten muss erklärt und gerechtfertigt werden und er begründet eine spezifische Erinnerungspflicht. Wobei es nicht die Toten sind, die die Lebenden dazu verpflichten könnten, es sind immer die Überlebenden, die als Denkmalstifter die Getöteten für ihre Zwecke benutzen, sie als Helden, als Retter des Vaterlands, als Vorbild für Treue und Pflichterfüllung benennen, deren Tod nicht sinnlos gewesen sein darf. Bis 1945 benutzen die Nationalsozialisten die toten Soldaten für eine Verpflichtung an die nachfolgende Generation, ihnen an Kampfesmut und Opferbereitschaft nicht nachzustehen.

Fachleute definieren Begriffe, die auf den Denkmälern in Mueß genannt werden:

Gefallene: »... verweist auf das Wort ›fallen‹, dem Wörter wie ›hinfallen‹ aber auch ›fällen‹ zuzuordnen sind. Der Tod im Krieg versinnbildlicht sich in diesen Wörtern. Er entkleidet sich im Wort ›fallen‹ seines Schreckens, im Wort ›fällen‹ verkleidet er sich in einen starken Baum, der von einem Naturereignis (Blitzschlag) oder einem übermächtigen technischen Mittel (Axt, Säge) umgelegt wurde. Es ist ein aseptischer Tod, der nichts mit den apokalyptischen Bildern gemein hat, die beispielsweise Erich Maria Remarque und Wolfgang Borchert in der Literatur oder Otto Dix in der bildenden Kunst hervorrufen: zerfetzte Gedärme, verpestete Lunge [...] Für das Fallen ist niemand so recht haftbar zu machen: der Schnee fällt, die Aktienkurse fallen – das Schicksal waltet hier wie dort.«

Hartmut Häger, Kriegstotengedenken in Hildesheim, Gerstenberg 2006, S.22

»Die Überhöhung des soldatischen Opfers lässt sich nicht nur an den Kriegerdenkmälern ablesen, sondern auch am Siegeszug einer Metapher: ›der Gefallenen‹. [...] Ihre Stunde schlug im ersten Weltkrieg, als die unterschiedslose und massenhafte Vernichtung der Soldaten nach sprachlicher Bewältigung verlangte. Die Bezeichnung ›Gefallene‹ eroberte jetzt Inschriften und Ansprachen, Briefe und Statistiken.
Im Wort ›fallen‹ verschmolzen Abschiedsschmerz und Opfermythos, und mit jeder Verwendung wurde diese Verbindung abgerufen und bestätigt. Zugleich ließ sich der Ausdruck wie eine Abkürzung verwenden. Je selbstverständlicher wurde, dass ein Soldat der ›fiel‹, dies für das Vaterland, das Volk oder wofür auch immer tat, umso eher ließ sich auf die immer neue Benennung dieser Opferziele verzichten. Deren Gefühlswert übertrug sich auf das Wort ›fallen‹, das zur Chiffre all dieser Sinnstiftungen aufstieg. Wer gefallen war, der war jetzt stets schon für die vermeintlich gute Sache gestorben, der hatte seine Opferbereitschaft bewiesen.«

Klaus Latzel, ZEITGeschichte 4/2018, S. 100

Gedenken: »Doch nur scheinbar stellt sich das Kriegerdenkmal dem Vergessen in den Weg. Tatsächlich befördert es das Vergessen, indem es nur ausgewählte Aspekte des Geschehenen repräsentiert: Wirkungen ohne Ursachen, Geschehnisse ohne Geschichte, Ergebnisse ohne Prozesse, Namen ohne Persönlichkeit, Opfer ohne Täter.«

• zitiert aus Hartmut Häger, Kriegstotengedenken in Hildesheim, Gerstenberg 2006, S.29

»Auf welchem dieser steinernen oder metallenen ›Ehrenmale‹ wurde beim Namen genannt, für wen oder was gestorben worden ist? Kein Wort von nationaler Machtpolitik, von Hegemonialstreben, nackten Besitzinteressen, Beutegier, Eroberungsgelüsten und Weltherrschaftsphantasien, für die Millionen von deutschen und fremden Soldaten umgekommen sind. Diese Motive werden ebenso wenig genannt wie die Namen derer, die in den beiden Weltkriegen aus dem Massensterben Profit geschlagen, Blut in Gold verwandelt und zu ihrem eigenen militärischen Ruhm gewissenlos ganze Armeen geopfert haben.«

Ralph Giordano, Die zweite Schuld, S. 324

»Ende der 60er, Anfang der 70er gibt es in Deutschland einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Es kommen jüngere Historiker und jüngere Offiziere in verantwortliche Positionen, die vieles von dem was vor 1914 bis 1918 war hinterfragen, die auch ganz andere Fragen an die Vergangenheit stellen und an die entsprechenden Repräsentationen der Vergangenheit. Die sich fragen: Ist es noch zeitgemäß Erinnerungen zu pflegen, die Ausdruck von Aggression, Imperialismus und Hybris ist?«

Michael Epkenhans, Historiker, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam


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